Festung Bourtange – Transrapid-Versuchsanlage Lathen – WTD 91 Meppen – Meyer Werft Papenburg

(22.10.-24.10.2017)

Unsere Studienfahrt beginnt Sonntagmorgen um sechs Uhr im Dunkeln auf dem roten Platz. Kurze Lagebesprechung unter der Laterne, dann geht es los im bequemen Reisebus, immer nach Norden. Fahrer bzw. Fahrerin sind wie beim letzten Mal Gerald Frank und seine Tochter Maren, die eigentlich studiert, aber nebenbei auch große Busse sicher durch Deutschland lenkt. Niedersachsen empfängt uns landestypisch mit Regenwetter und einer eher flach gehaltenen Moorlandschaft. In Meppen ist Hotel Pöker das erste Haus am Platz und genau dort kehren wir ein.

Dank Europa und fehlender Grenzkontrollen sind wir schnell in den Niederlanden an unserem ersten Exkursionspunkt, der Festung Bourtange. Hier warten erstens ein Regenschauer auf uns und zweitens Gerrit Borg, eine resolute Holländerin in Landestracht: „Stellen Sie sich bitte hier hin, dass ich Sie sehen kann!“. Frau Borg führt uns kreuz und quer und rauf und runter durch das Festungsdorf und erläutert nachdrücklich und mit schönem Akzent dessen Besonderheiten: Bourtange liegt mitten im Bourtanger Moor, ehemals das größte zusammenhängende Moorgebiet Westeuropas. Genau an einer Stelle, an der sich zwei Ochsenkarren begegnen können, gründete 1580 Wilhelm von Oranien die Festung, zum Schutz gegen die Spanier, die damals merkwürdigerweise in Groningen logierten. Das Dorf ist von Wällen und Wassergräben umgeben, durch Brückenwächterhäuschen geschützt und beherbergt typische zeitgenössische Wohnhäuser, wie das „Capiteynslogement“, das Haus des Proviantmeisters („Convooimeester“) und andere Offiziershäuser, Gewürzhäuser, die Kirche, verschiedene Mühlen, die Verteidigungsanlagen samt Kanonen und Schießpulverlager sowie die „Secreten“ (frühere Toilettenanlage über dem Festungsgraben). Bis 2,5 km weit schossen die Kanonen übrigens. Zum Abschluss gibt es noch Kaffee und Waffeln, dann geht es wieder zurück nach Deutschland.

Ein wenig melancholisch stimmt unser nächster Halt und das liegt nicht nur am grauen Abendhimmel. An der ehemaligen Transrapid-Versuchsanlage in Lathen erwarten uns ein mit Büschen zugewachsenes Besucherzentrum ohne Besucher und eine graue Bahntrasse ohne Bahn, die schnurgerade in den grauen Horizont führt. Von 1983 bis 2010 wurde hier ein Hochtechnologieprojekt betrieben, die Magnetschwebebahn schoss mit über 400 km/h durch das Emsland. 2006 gab es einen schlimmen Unfall mit 23 Toten, Ursache war menschliches Versagen. 2010 wurde leider der Betrieb eingestellt, die zukünftige Nutzung ist immer noch unklar. Laut Wikipedia wird ein Forschungszentrum für Elektromobilität erwogen, man sieht aber noch nichts.

Abends im Landhaus Eppe trösten wir uns mit Bier und dem besten Spanferkel des Emslandes.

„Du hast im Leben tausend Treffer, man sieht’s, man nickt und geht vorbei. Doch nie vergisst der kleinste Kläffer, schießt Du ein einzig Mal vorbei!“ Der Spruch hängt in der Kantine der Wehrtechnischen Dienststelle 91 in Meppen und ermahnt deren Mitarbeiter (und Mitarbeiterinnen), bei der Arbeit gut achtzugeben. Nötig hat die Ermahnung hier wohl niemand. Am zweiten Tag unserer Studienfahrt treffen wir auf kompetente Bundeswehrkollegen, die engagiert ihre speziellen und gleichzeitig komplexen Arbeitsfelder vorstellen. In der WTD werden für Heer, Luftwaffe und Marine Waffen und Waffensysteme, Munition, Lenkflugkörper, Drohnen, Panzerungen, Schutzeinrichtungen sowie viele weitere Arten von technischem Gerät erprobt. Nach einem Einführungsvortrag dürfen wir am Vormittag ein Munitionsarbeitshaus besichtigen und bekommen hautnah einen Eindruck der verantwortungsvollen und gefährlichen Arbeit beim Umgang mit Sprengstoff und Munition. Anschließend geht es durch die verschiedenen Abteilungen der Hauptwerkstätten. Unter anderem erleben wir eine computergesteuerte Wasserstrahlschneidemaschine bei der Arbeit und dürfen Hand an einen Raketenschlitten legen. Nach dem Mittagessen besichtigen wir die Wehrtechnische Lehrsammlung. Ein versierter Führer gibt uns einen Überblick über die Geschichte der Munitions-, Panzer- und Kanonentechnik von den Anfängen bis zur Jetztzeit. Einige Ausstellungsstücke sind übrigens betriebsbereit oder können wieder betriebsbereit gemacht werden. Anschließend geht es mit dem Bus auf eine Rundfahrt über einen Teil des Geländes. Nur über einen Teil, denn die Dienststelle hat eine Ausdehnung von immerhin 31,8 km x 7 km und ist damit der größte instrumentierte Schießplatz Europas.

Abends beim Griechen sind wir uns einig, dass, wenn einmal in der Wehrtechnik etwas schief geht, es auf jeden Fall nicht an den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Wehrtechnischen Dienststellen liegt.

Vor der Meyer Werft

Letzter Exkursionspunkt: Die Meyer Werft in Papenburg. Früh am Morgen warten wir in strömendem Regen am Haupttor auf unsere Führung und sehen der morgendlichen Kolonne Handwerker-fahrzeuge zu, die auf das Werftgelände fährt. Im Hintergrund ragt eine riesige graue Halle empor, später erfahren wir, dass es die größte Schiffbauhalle in Europa ist. „Moin!“ sagt Herr Peske, unser Führer, und bringt uns über Treppen und einen „Skywalk“ hoch über dem Erdboden in das neue Besucherzentrum. Die nächsten zwei Stunden sehen wir Filme, Schiffsmodelle (die pro Stück 40000,-- Euro kosten), Exponate, schauen lange von oben durch zwei große Panoramafenster auf den Werftbetrieb in der gewaltigen Werfthalle und folgen den Erläuterungen unseres Führers.

Zur Zeit wird die Norwegian Bliss gebaut. Im März 2018 erfolgt der Stapellauf, bereits jetzt können Tickets für Kreuzfahrten in Alaska gebucht werden. Nachfolgend einige Daten: 167.800 BRZ, Länge über alles 324,60m, Breite auf Spanten 41,40m, Passagiere 4.000, Besatzung 1200, 19 Decks. Zitat aus dem Internet: „Aufgrund der strengen Umweltauflagen wird das Schiff mit modernen Abgasreinigungsanlagen und sehr umweltfreundlichen Motoren zur Stromerzeugung ausgestattet. Beim gesamten Engineering stand verstärkt die Energieeffizienz im Fokus: Wärmerückgewinnung, Elektromotoren höchster Energieeffizienzklasse, LED-Beleuchtung, Automation mit der Ausrichtung Energieeffizienz, optimierte Unterwasseranstriche zur Widerstandsreduzierung, Gewichtsoptimierung bei Materialien und viele weitere Themen wurden mit höchster Priorität bearbeitet. Das Schiff wird eine zweigeschossige Rennstrecke für Elektrokarts haben, die mit 300 Metern Länge die größte Kartbahn auf See sein wird und auf der Geschwindigkeiten bis 50 km/h erreicht werden. In einer Freiluft-Arena, die wie eine verlassene Raumstation ausgestaltet ist, kann rund um die Uhr mit Laserpistolen geschossen werden. Ruhe suchende Gäste können in den zwei großen Pools oder in Whirlpools entspannen. Aufregender geht es im Aqua Park mit den zwei mehrstöckigen Wasserrutschen zu: Die Ocean Loops macht zwei große Kurven – eine über die Reling des Schiffes hinaus und eine zweite, transparente Kurve, die sich bis zum Deck darunter erstreckt. Außerdem gibt es die mehr als 100 Meter lange Tandemrutsche Aqua Racer. Hier können Gäste nebeneinander auf Reifen gegeneinander antreten. Ein durchsichtiger Abschnitt ermöglicht den Blick auf das Meer.“

„Du kannst den wundervollsten Ort der Welt erträumen, aber es bedarf Menschen, die den Traum wahr machen“. Diesen Ausspruch Walt Disneys hat das Besucherzentrum zu seinem Motto erklärt und er gilt für den ganzen Betrieb der Meyer Werft. 3140 Beschäftigte hat die Werft, dazu kommen 21000 Arbeitsplätze in Zulieferbetrieben in der Umgebung. Maßgeblich wird hier zu der geringen Arbeitslosenquote des Emslandes von unter 3 % beigetragen.

Über die Hälfte der jährlich weltweit produzierten 500 000 Betten auf Kreuzfahrtschiffen stammt aus der Meyer Werft. Pro Jahr stellt die Werft zwei Schiffe her, die dann bei Springtide über die aufgestaute Ems Richtung Nordsee fahren. Um sich in einem Hochlohnland wie Deutschland und trotz der für eine Werft ungünstigen Lage im Binnenland auf dem hart umkämpften weltweiten Schiffbaumarkt zu behaupten, bedarf es effizienter und genau abgestimmter Arbeitsprozesse, bedarf es zuverlässiger Zulieferer, bedarf es einer koordinierten Zusammenarbeit zehntausender Menschen in der Region. Egal, ob man nun Tandem-Wasserrutschen und GoKart-Bahnen auf hoher See gut findet oder nicht: Wir sind beeindruckt, wie es der Meyer Werft gelungen ist, hier im ländlichen Papenburg einen großen Wirtschaftsstandort einzurichten, an dem dauerhaft technologisch hochwertige Schiffe gebaut werden.

Nach einem Imbiss im Zentrum von Papenburg geht es auf die Rückfahrt. Es ist bereits wieder dunkel, als wir am roten Platz ankommen. Die Pro Academia Studienfahrt 2017 ist zu Ende.

Wir danken unserer Busfahrerin Maren Frank und unserem Busfahrer Gerald Frank sowie dem Busunternehmen Bauer-Reisen aus Ilvesheim für eine angenehme Reise. Für die Versorgung mit Kaffee unterwegs danken wir Frau und Herrn Nagel sowie auch dafür, dass Sie die Einnahmen Pro Academia gespendet haben. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der WTD 91 haben uns interessante Teile ihrer Dienststelle gezeigt, herzlichen Dank dafür. Herzlichen Dank auch an alle Mitfahrenden, es hat alles gut geklappt und es hat Spaß gemacht!

Joachim Kaltwang

 

Bilder der Studienfahrt können Sie hier ansehen, die Genehmigung zur Veröffentlichung seitens der Teilnehmer liegt vor.

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